Hilfe ist kein schmutziges Wort

  

Wie oft haben Sie schon gedacht „Wenn ich nur Hilfe hätte?“. Dies ist der Top-Wunsch aller Pflegenden von Angehörigen, wenn diese dem CAN ihre Geschichte erzählen. Ironischerweise jedoch ist es der Pflegende selbst, der sich und damit der Hilfe im Weg steht.

 

Wieso ist es so schwer, Hilfe zu akzeptieren? Was können Pflegende tun, um den eigenen Widerstand oder den des Angehörigen gegen Hilfe von Außen zu überwinden? CAN entschied, im Bereich der Familienpflege den Rat von zwei Ärzten zu suchen: Mark Yaffe, MD, Privatdozent für Familienmedizin an der McGill Universität in Montreal und dem St. Mary‘s Hospital Center sowie Barry Jacobs, PsyD, Direktor für Verhaltensforschung am Crozer-Keystone Family Practice Residency Programm in Springfield, Pennsylvania.

 

„Es ist mir peinlich, um Hilfe zu bitten.“

„Herzlichen Glückwunsch, Sie sind normal,“ sagt Dr. Yaffe. „Den meisten Pflegenden von Familienangehörigen geht es ebenso und es ist ein sehr reales Gefühl. Dies ist ein Teil der Herausforderungen eines Pflegenden.“ Tatsächlich, so meint Dr. Yaffe, haben Studien gezeigt, dass nur ein Drittel der Pflegenden Hilfe annimmt, wenn sie angeboten wird. Worin liegen die Gründe hierfür? „Viele schämen sich, um Hilfe zu bitten und befürchten, dass die Leute denken könnten, sie würden sich aus der Verantwortung ziehen,“ sagt Dr. Jacobs. „Oft höre ich die Erklärung „Unsere Familie gibt nichts nach draußen“ oder „Niemand kann sich so gut um meinen Angehörigen kümmern wie ich.“ Manche haben das Gefühl, dass sie, wenn sie Hilfe akzeptieren, versagt haben. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Durch das Nichtakzeptieren oder Nichtbitten um Hilfe setzen sie sich selbst der Gefahr des Burn-out und Versagens aus.“

 

Es ist außerdem hilfreich zu erkennen, dass jeder Pflegende irgendwann in seiner Pflege„karriere“ an einem bestimmten Punkt anlangt, an dem er Hilfe annimmt.“ Dr. Yaffe verwendet hier die Analogie von Menschen, die abnehmen oder das Rauchen aufgeben möchten. Jeder ist an einem anderen Punkt und aus unterschiedlichen Gründen bereit, diese Entscheidung zu treffen. Das gleiche gilt für Pflegende.

 

Viele Pflegende fürchten auch die Reaktionen anderer, wenn sie um Unterstützung bitten. Laut Dr. Yaffe können Werte und Erwartungen innerhalb der Familie, religiöse Überzeugungen und kulturelle Werte beeinflussen, ob ein Pflegender sich wohl dabei fühlt, um Unterstützung zu bitten. Religiöse Überzeugungen können ebenso schnell zu einer Quelle für Stress und Konflikt führen wie sie Trost spenden können. Es ist für jeden Pflegenden eine Herausforderung, auf die äußeren Einflüsse zu blicken um herauszufinden, ob sie konstruktiv oder destruktiv sind. Zudem ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass die Furcht vor scheinheiligen Reaktionen anderer nicht der Grund sein darf, nicht um Hilfe zu bitten. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Menschen sich in Ihre Lage versetzen können.

 

„Ich sollte es alleine schaffen.“

Das Problem dieser Aussage liegt gemäß Dr. Yaffe darin, dass Pflegende dazu tendieren, sich von Krise zu Plateau zu Krise zu hanteln, ohne dabei zu bemerken, dass die eigene Substanz dabei langsam aufgezehrt wird. „Pflegende scheinen nicht die Fähigkeit zu haben, die kumulativen Effekte jeder Krise erkennen zu können,“ sagt Dr. Yaffe. „Sie müssen sich selbst fragen ´Wo ist meine Toleranzschwelle, bevor ich zusammenbreche?` Was Sie auch bedenken sollten, ist, dass Sie als Pflegender selbst einem erhöhten Krankheits- und vorzeitigem Todesfallrisiko ausgesetzt sind.“

 

„Es ist wichtig, Pflege als das zu erkennen, was es ist,“ sagt Dr. Jacobs. „Es scheint tendenziell eine Diskrepanz dahingehend zu geben, wie lange ein Pflegender denkt, dass er oder sie die Pflege leisten kann und wie lange der Pflegebedürftige diese Unterstützung tatsächlich benötigen wird. Es hilft anzuerkennen, dass Sie aus der Vogelperspektive betrachtet einen grausamen Marathon laufen und dass Sie irgendwo auf dem Weg wieder neue Energie tanken müssen. Wenn Sie sich selbst helfen, ermöglicht Ihnen dies, Ihrem Angehörigen weiter helfen zu können.“

 

„Mein Angehöriger akzeptiert keine Hilfe außer von mir.“

„Es ist interessant zu sehen, wie oft Menschen das Gefühl haben, sie müssten um Erlaubnis fragen,“ sagt Dr. Yaffe. „So ist es zum Beispiel in Ordnung, dem Angehörigen zu sagen, wenn dieser etwas tut, das einen verletzt. Es ist auch in Ordnung dem Angehörigen zu sagen, dass dieser nicht das Recht hat, über Ihr Leben zu bestimmen. Pflegende müssen die Erlaubnis haben zu sagen ´Du zermürbst mich. Auch wenn ich dich noch immer liebe, brauche ich bei deiner Pflege Unterstützung.` Es ist ein Zeichen von Stärke, dies aussprechen zu können. Der Schlüssel liegt einfach darin, offen über Gefühle, Sorgen und Verpflichtungen zu sprechen.“

 

Dr. Yaffe schlägt vor, dass Pflegende von Familienangehörigen ein ehrliches Gespräch mit dem Pflegebedürftigen darüber führen, welche Dinge kurz- und langfristig funktionieren können. Der Gedanke ist, die Situation gemeinsam und nicht als Einzelpersonen zu lösen. Führen Sie den Pflegebedürftigen durch einen Entscheidungsfindungsprozess, indem Sie einen offenen Dialog über die Situation führen. „Es gibt ein Wort hierfür und dieses lautet GESPRÄCH,“ sagt Dr. Yaffe. Dr. Jacobs stimmt dem zu. „Pflegebedürftige müssen wissen, dass Sie dem Pflegenden etwas zurückgeben können, indem sie dahingehend flexibel sind, wer Teile der Pflege übernimmt. Sie müssen verstehen, dass jemanden Geliebten zu pflegen manchmal bedeutet, sich Hilfe ins Haus zu holen.

 

„Niemand kann sich um meinen Angehörigen so kümmern wie ich.“

Dr. Yaffe merkt an, dass es manchen Menschen leichter fällt, die Kontrolle abzugeben als anderen. „Der Gedanke, dass jemand anderer nun übernimmt, kann das Selbstwertgefühl des Pflegenden beeinflussen“, sagt er. „Der Pflegende denkt ´Wenn ich jetzt die Kontrolle abgebe, was gebe ich noch auf? Worüber trauere ich noch?` Doch Pflegende können sich selbst neu definieren, indem sie zulassen, bei einigen Pflegeaufgaben Hilfe zu bekommen. Es ist wichtig, die Tatsache zu erkennen, dass es für das, was Sie schaffen können, Grenzen gibt. Wenn Sie bereit sind, um Hilfe zu bitten, können Sie mehr schöne Momente mit Ihren Angehörigen verbringen.

 

Dr. Jacobs schlägt vor, dass es für manche einfacher ist, mit kleinen Schritten wie beispielsweise „Essen auf Rädern“ oder ähnlichen Unterstützungsprogrammen zu beginnen, für die nicht gleich die komplette Kontrolle abgegeben werden muss. Tatsächlich können Sie vielleicht durch die Nutzung dieser Arten von Unterstützung noch mehr für Ihre Angehörigen tun. Seien Sie offen für die Inanspruchnahme einiger einfacher Dienstleistungen und versuchen Sie dann flexibel zu sein, denn auch Ihr Angehöriger muss sich an die Situation gewöhnen.

 

„Ich habe niemanden, den ich um Hilfe bitten kann.“

Pflegende sollten bereit sein, eine breite Palette an Menschen in Betracht zu ziehen, wenn Sie nach Unterstützung Ausschau halten. Beginnen Sie mit der Familie, Freunden und Nachbarn. Es gibt bestimmt einige, die Ihnen bei Alltagsaufgaben wie Einkäufe machen, das Abendessen für Sie und Ihre Familie zubereiten oder die Kinder zu Terminen fahren, helfen können. Vielleicht finden Sie sogar jemanden, der Ihren Rasen mäht, eine großartige Aufgabe für Schüler und Studenten, die den Sommer zu Hause verbringen. Wenn Sie Rat brauchen, sind oftmals andere Pflegende eine gute Adresse. Es gibt zahlreiche Foren, Schwarze Bretter und Chat Rooms, auf die Sie online zugreifen können. Achten Sie hier jedoch darauf, dass diese Seiten seriös sind. Als Startpunkt könnten Sie die Webseiten für die entsprechende Krankheit oder den Zustand Ihres Angehörigen sowie Seiten, die sich dem Pflegen von Angehörigen widmen, nutzen.

 

Manche Pflegende wenden sich mit Ihrem Schicksal an ihre Glaubensgemeinschaft. Vielleicht bilden Mitglieder Ihrer Glaubensgemeinschaft ein Team, um Ihnen bei der Überwindung einer besonders schwierigen Zeit zu helfen oder sogar auf Langzeitbasis. Sie werden es nicht wissen, bevor Sie nicht fragen.

„Meiner Erfahrung nach gibt es in fast jeder Gemeinde irgendeine Art von Unterstützung für Pflegende,“ sagt Dr. Jacobs. „In meiner Praxis konnte ich oftmals beobachten, dass der Widerstand des Pflegenden, Hilfe zu suchen, größer ist, als das fehlende Wissen, wohin man sich wenden kann.

 

“Neben der Abklärung, ob es von Gemeindeseite Hilfestellung gibt, ermutigt Dr. Jacobs Pflegende dazu, ambulante Pflegedienste in Anspruch zu nehmen. „Wenn Sie nach seriösen Diensten Ausschau halten und sich die Zeit nehmen, den für Ihre Familie richtigen Dienst zu finden, finden Sie am Ende vielleicht jemanden, der zu einem neuen Familienmitglied wird“, sagt er.

 

Jene, die sich einen ambulanten Pflegedienst nicht leisten können, sollten herausfinden, ob es Dienste gibt, die von den örtlichen Altendiensten oder dem Behindertenbeauftragten einer Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. „Letztendlich,“ sagt Dr. Jacobs, „geht es darum, offen für jede neue Form von Unterstützung zu sein, die Ihnen dabei hilft, sicherzustellen, dass die Pflege nachhaltig ist.“

Haben Sie Ihrem Arzt erzählt, dass Sie einen Angehörigen pflegen?

 

Sie sollten.

 

Es gibt Ärzte, die dieser Umstand nicht interessieren mag, doch Gesundheitserzieher und Gemeindesprecher sensibilisieren zunehmend die Ärzteschaft auf die Bedürfnisse von Pflegenden.

 

Auch Ärzte haben nicht alle Antworten, doch sie müssen wissen, welchem Stress Sie ausgesetzt sind. Und wenn Sie herausfinden, welche Unterstützung die Gemeinde unter Umständen zur Verfügung stellt, teilen Sie dies Ihrem Arzt mit, damit dieser diese Information bei Gelegenheit weitergeben kann.

 

„Pflegende können und sollten zu Lehrern der Ärzte werden“, sagt Dr. Yaffe.